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Essay: Im Schattenreich der Literaturforschung  (260 KB/.pdf)

Im Schattenreich der Literaturforschung

Aufsatz zu Peter Weibels IM BUCHSTABENFELD, Entwurf zur Zukunft der Literatur und Italo Calvinos KYBERNETIK UND GESPENSTER, Überlegungen zu Literatur und Gesellschaft im Seminar Zeichensprengung von Fritz von Klingräff und Nils Röller an der Fakultät Medien, Bauhaus-Universität Weimar, 2001

Zu Anfang des Textes Im Buchstabenfeld, Entwurf zur Zukunft der Literatur steht Peter Weibels Kritik an der Literaturwissenschaft. Er beruft sich hier auf J.G. Hamann; dessen Zitat: Das ganze Vermögen zu denken beruht auf Sprache 1 setzt er vor seinen Essay. Diese radikale Kritik, auf Kant und die Erkenntnistheorie bezogen, überträgt Weibel auf die Literaturwissenschaft. Er stellt fest, dass eine vernünftige Literaturwissenschaft einzig und allein die vom Autor geleistete Spracharbeit zum Untersuchungsgegenstand 2 hätte. Weibels Idee einer neuen Literaturtheorie versteht sich als Suche nach Regeln und Schemata, die menschliche Erfahrung und Erkenntnis in Sprache sichtbar machen. Neue Erfahrung in der und durch Spracharbeit entsteht durch neue Verkettung von Zeichen 3, neue Relationen von Laut und Bedeutung (...) schaffen neue Informationen. 4

Italo Calvino formuliert diese Idee ähnlich, daß das Schreiben nur ein Kombinationsprozess vorhandener Elemente ist.5 Bei ihm ist die Forderung nach einer neuen Betrachtung von Literatur nicht vordergründig, vielmehr sieht er die Funktion der Literatur als einen gesellschaftlichen Neuerungsprozess: das Hauptanliegen der modernen Literatur liegt in ihrem Bewusstsein, all das in Worte zu fassen, was im gesellschaftlichen oder individuellen Unbewussten ungesagt geblieben ist: dies ist die Herausforderung, der sie sich ständig stellt.6

Die Forderung, die Weibel an die Literatur stellt, ist die  Befreiung aus dem Denken eines eschatologischen Systems.7 Über lange Zeiträume hinweg scheint die Literatur für die Absegnung, die Bestätigung der Werte, die Anerkennung der Autorität zu arbeiten; dann plötzlich rastet etwas im Mechanismus ein und die Literatur wird Antriebskraft eines entgegengesetzten Prozesses, der Weigerung, die Dinge so zu sehen und zu sagen, wie sie noch einen Augenblick vorher gesehen und gesagt worden waren. 8 In den 27 Jahren zwischen 1974 bis 2001, die zwischen den beiden Veröffentlichungen seines Textes liegen, wandelt sich Weibels einstmalige Subgeschichte der Literatur zur Forderung nach einer neuen Literaturkritik  Im Buchstabenfeld, im Bestreben, damit auch eine gesellschaftliche Veränderung hervorzuheben.

Auch in der Literatur tritt die Maschine in Konkurrenz mit uns. Ausgerichtet auf für uns Menschen wichtige Aufgabenstellungen, arbeitet sie ohne Unterlaß; wie es scheint, ohne jegliche Ermüdung. Mit ihrer ausdauernden Geschwindigkeit können wir nicht Schritt halten. Sie überwindet Grenzen, ohne sich selbst zu bewegen. Halten wir uns fest daran, daß die Maschine, wie wir, Energie verbraucht, Verschleißerscheinung kennt und Fürsorge bedarf. Sie ähnelt doch uns. Jedoch übertragen wir mittlerweile im Vergleich mit der Maschine ihre Begrifflichkeiten und Funktionen auf uns. Heute neigen wir dazu, ihn [den Gedanken, den Geist] als eine Serie unstetiger (math.: diskreter) Zustände und Impulskombinationen an einer endlichen Zahl (einer riesenhaften, doch endlichen Zahl) von Kontroll- und Sinnesorganen zu sehen. 9 An die Stelle des Autors tritt erstmals (wenn man Sprache als Grundlage des Denken akzeptiert) die Ahnung eines Algorithmus, eines Regelwerks, das maschinenbasiert sein kann und das Literatur ohne die traditionell handelnden Personen, Autor und Leser, erzeugt.10 Nun mag man sich fragen, wozu Buchstaben auflegen, wenn kein Bedeutendes sie erschließt?   (...) diese Literatur will durch die Gesetze der Sprache das Gesetz der Ordnung herausfinden, in welches das Subjekt hineingeboren wird. 11 Mit dieser neuen Literatur dringen Autoren vor, die Sprache formal untersuchen und sich nicht länger von Subjekten in und außerhalb ihrer Geschichten bestimmen lassen. Aus wessen Perspektive aber wird die Ordnung des Umfeldes untersucht, wenn sich nicht länger organisch-lebendige Bezugspunkte feststellen lassen.

Die Antworten auf meine mir unbeantworteten Fragen liegen scheinbar im sprichwörtlichen Dunkeln, im Unbewußten. Calvino, wie auch Weibel, weisen dem Unbewußten großen Einfluß auf die moderne Literatur zu:

1. Weibel: Ein sehr wichtiges Kapitel [der zukünftigen Literaturwissenschaft] wäre über Träume, den Diskursen des Unbewußten, die laut Lacan wie eine Sprache strukturiert sind.12

2. Calvino: Das Unbewußte ist das Meer des Unsagbaren, dessen, was jenseits der Sprachgrenzen verbannt ist, was infolge alter Verbote verdrängt wurde; das Unbewußte spricht in den Träumen, den Versprechern, den unmittelbaren Assoziationen - mit geliehenen Wörtern, gestohlenen Symbolen, Sprachschmuggeleien, bis die Literatur diese Gebiete befreit und sie in die Sprache des Wachzustandes eingliedert.13

Wie weit kann der Mensch auf seinen Expeditionen ins Innere vorstoßen und was kann das Bewußtsein als Eindringling in der eigenen Innerlichkeit finden. Liegt nicht da, wo das Bewußtsein hinleuchtet der Schatten des Unbewußten nicht mehr? Sind wissenschaftliche, maschinelle Routinen denkbar, die das Unbewußte beobachtbar, begreifbar werden lassen? Können wir der Maschine Träumen und Sprechen lehren und durch sie tiefer in uns selbst schauen? Ich glaube, für den Menschen ist etwas anderes von größerer Bedeutung, als eine ordnende literarische und wissenschaftlich entdeckende Praxis: Die Literatur ist wohl ein Kombinationsspiel, das den im eigenen Material enthaltenen Möglichkeiten folgt, aber sie ist ein Spiel, das an einem bestimmten Punkt einen unerwarteten Sinn bekommt, einen nicht objektiven Sinn der sprachlichen Ebene, auf der wir uns gerade bewegten, sondern hineingerutscht aus einer andern Ebene, so daß etwas ins Spiel gebracht wird, das dem Autor oder der Gesellschaft, der er angehört, (also auch dem Leser) auf einer anderen Ebene am Herzen liegt. 14

Der Kern der Frage, die mir im Diskurs der rein formal experimentierenden Literatur nicht aus dem Kopf will, lautet in etwa: Können maschinell generierte Texte im Unbewußten des Menschen ein heimliches, zu Herzen gehendes Gefühl wecken oder werden sie, in ihrer Existenz gebunden an das Sagbare, den Leser nie im Subtext des Unaussprechlichen berühren? Oder anders: Wann werden Maschinen sprechen, um zu verbergen, was sie nicht sagen können?


Quellenangaben:
1 Hg. Peter Weibel, Im Buchstabenfeld, Entwurf zur Zukunft der Literatur, 2001, Graz, S. 65 (3) ebenda, S. 2
2 ebenda, S. 12 f.
3 ebenda, S. 13
4 ebenda, S. 13 f.
5 Italo Calvino: Kybernetik und Gespenster, Überlegungen zu Literatur und Gesellschaft, 1984, München, S. 18
6 ebenda, S. 20
Hg. Peter Weibel, Im Buchstabenfeld, Entwurf zur Zukunft der Literatur, 2001, Graz, S. 55
8 Italo Calvino: Kybernetik und Gespenster, Überlegungen zu Literatur und Gesellschaft, 1984, München, S. 24
ebenda, München, S. 11
10 Hg. Peter Weibel, Im Buchstabenfeld, Entwurf zur Zukunft der Literatur, 2001, Graz, S. 39
11 ebenda, S. 49
12 ebenda, S. 55
13 Italo Calvino: Kybernetik und Gespenster, Überlegungen zu Literatur und Gesellschaft, 1984, München, S. 20
14 ebenda, S. 22