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Mayi‘s Song - Das Lied der Ameise

Diese Arbeit entstand während eines neunwöchigen Aufenthalts in Peking, China, von September bis November 2006, der eigentlich der Aufgabe gewidmet war, eine Ausstellung zum Thema "Ich" zu organisieren. Georg Hänsdieke und ich begleiteten den Künstler und Kurator Cameron Craig nach Peking, um dort den dritten Teil seines kuratorischen Triptychons  "Dassein - Time, Space and I"  zu realisieren. Die Zeit wurde vor allem von einem Gefühl des Gefangenseins geprägt. Gefangen in den extremen Spannungen der Gruppe, in der wir gekommen waren, um gemeinsam zu arbeiten, ständig begleitet von einer fundamentalen Orientierungslosigkeit in der chinesischen Kultur. Gefangen in meiner Sprachlosigkeit gegenüber den Chinesen, ausgesperrt von mir selbst durch den permanenten Gebrauch des Englischen, was zu Reaktionslähmungen und zur Entfremdung von meinem eigenen Denken führte. Neun Wochen also in einer Stadt, deren Verhältnisse für mich nicht faßbar waren, in der mir kaum Fluchtwege geboten waren und in der Momente der Entspannung und Erholung fast unmöglich zu finden waren.

Was mich bereits auf der Reise über Osteuropa, Rußland, den Ural und Nordwestasien aus der Distanz als Fahrgast der Transsibirischen Eisenbahn berührte, war die ungemeine Einfachheit und Armut des Landlebens. In Peking, wie in anderen Metropolen der (noch) nicht westlichen Welt, prallt dieses Leben auf den globalen, westlich dominierten Lebenswandel, die immer tiefergreifende, sich ausbreitende Elektrifizierung und Technisierung des alltäglichen Lebensraums. Das moderne, hochhinausragende Peking wird erbaut von vielen Händen: Bauern, die ihr Land verlassen, von dem sie nicht leben können. In der Stadt erwartet sie knochenharte Arbeit auf privaten und nationalen Baustellen. Schweres Gerät um die körperliche Arbeit zu erleichtern ist rar. Asphaltstraßen werden inmitten der Nacht mit Spitzhacken aufgerissen. Schutzkleidung für die Arbeiter besteht aus gelben Helmen. Weder konnte ich einen Sichtschutz zum Schweißen oder einen Gehörschutz beim Presslufthämmern entdecken, noch Sicherungsleinen bei Arbeiten in großer Höhe, geschweige denn Sicherheitsschuhe. Die Arbeiter und Arbeiterinnen stecken mit ihren nackten Füßen in dünnen Stoffschuhen. 10.000 Menschen sterben nach öffentlichen Angaben jährlich auf den Baustellen Pekings, die Zahl der Verletzten liegt wahrscheinlich weit darüber und gerade einmal 2% der Bauarbeiter werden von ihrem Arbeitgeber versichert, der in ungefähr 50% der Fälle der Staat sein dürfte, wenn nicht gerade im Baugewerbe der Anteil an staatlichen Besitz krass unter dem Durchschnitt liegt.

Die Bauarbeiter sind nur ein Berufszweig unter vielen, die nach westlichen Maßstäben unter unzumutbaren Zuständen für ein verschwindend geringen Lohn malochen. Sie gehören zu den Ameisen, deren Arbeit die sichtbarsten und lautstärksten Veränderungen im Stadtbild verursachen. Andere Arbeiter sind von stillerer, jedoch noch allgegenwärtiger Präsenz. Soldaten und Wachmänner fallen auf. Sie stehen vor Tiefgaragen, Wohngebäuden, auf Straßen und Plätzen, vor Banken, in Supermärkten, Frauen verkaufen Fahrscheine im Bus und Tickets für den Park , sie waschen die Straßen und kehren die Wege, sie wässern die Pflanzen und regeln in der Rushhour den Fußgänger-, Fahrrad-, Bus- und Autoverkehr. Sie treten Rickshaws meterhoch beladen mit Wertstoffen, die von Hand aus dem Müll geklaubt wurden, die Kinder obendrauf. Straßenhändler bevölkern die Fußwege, sie verkaufen Getränke, Stadtpläne, DVDs, Schmuck, Decken, Kurzwaren, Lederjacken, gekochten Mais, glasierte Würste, gebackene Süßkartoffeln oder gegrillte Spieße. Manche haben ihre Ware in einer Decke oder auf der Lastfläche einer Rickshaw, wieder andere haben eine mobile Küche oder kommen mit einem Pferdekarren voller Melonen vom Rand der Stadt. Alles wird gesammelt, recycelt, repariert und verkauft, was nur eben Wert hat. Im Vergleich zu den vielen Tagelöhnern und Hungerkünstlern gibt es verschwindend wenig Straßenkriminalität und Bettler. Wer bettelt, ist meist verkrüppelt oder geistig verwirrt und nicht mehr in der Lage andere Arbeiten zu verrichten. Wie in einem Monstrositätenkabinett kann man tagsüber rund um den Platz des himmlischen Friedens Narben und Verstümmelungen besichtigen, die wie Waren dargeboten werden. Sie sind der menschliche Abfall in der Fabrik "China baut eine moderne Nation", denn China baut eine moderne Nation auf dem sozialen Sicherungsmodell "Familie". Nachts geht die Arbeit allenorts weiter. Das laute Hämmern der Baustellen setzt zwar aus, nicht aber das Mauern und Schweißen und Kabelziehen. Meist schlafen die Bauarbeiter mit ihren Familien in total überfüllten Containern oder im Rohbau und wer im Straßenbau arbeitet, schläft, wenn der Verkehr rollt, in einer Wellblechhütte nebendran. So sieht man tagsüber dauernd übermüdete Menschen am Arbeitsplatz und in der Öffentlichkeit schlafen. Jeder Arbeitsplatz scheint doppelt und dreifach besetzt. Zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang ist es ruhiger, doch gearbeitet und gelebt wird 24 Stunden, jeden Tag. Der Himmel ist an den meisten Tagen grau verhangen. Dunst, Dreck, Smog liegt über der Stadt, die neue Mittelklasse in ihren neuen Autos steht im Stau. Die Bäume am Wegrand, sie kommen nicht dagegen an. Ihr erfrischendes Sauerstoffausatmen, man spürt es nicht. Selbst die Parks sind keine Erholung und für die Arbeiter kein Rückzugsgebiet. Soldaten haben freien Eintritt, Rentner bekommen Ermäßigung, Arbeiter nicht. Je nach Grö&szlg;e des Parks liegt der Eintrittspreis zwischen 2 und 10 Yuan, das ungefähre Einkommen eines Arbeiters im Monat bei ca. 500 Yuan (ca. 50 EUR).

Die Härte des Leben fühle ich hier wie nie zuvor. Nie wollte ich länger an solch einem Ort leben. Doch die Menschen, die hier leben, sie geben ihr Menschsein nicht auf. Äußerst selten begegnet mir Unfreundlichkeit. Im Gegenteil, es wird gelächelt, gescherzt, gelacht. Das Fremde wird neugierig beäugt und besprochen. Manchmal bekommt man ohne zu handeln einen fairen Preis, manchmal ein Lob für den harten Gegner, der man im Handel war. Neid scheint in dieser Gesellschaft vergessen zu sein, Glück zu haben im Leben zählt. Auf einem meiner ersten Erkundungsgänge durch die Stadt sah ich eine Frau in einer Bauarbeiterkolonne. Ich bestaunte gerade den Rohbau eines neuen Hochhauses, das schier unentwirrbare Labyrinth aus Gerüsten und die winzigen Arbeiter mit ihren gelben Helmen und den dünnen Stoffschuhen, die zusammen auf kleinen Hockern über die Baustelle verteilt saßen. Ihr Nachtmahl war in großen Eimern auf der Rickshaw gebracht worden und sie löffelten es aus Metallschüsseln. Die Dämmerung war vorbei und die Lichter der Stadt, die Leuchtstoffröhren in den Bürohäusern, die animierten Neonreklamen über den Eingängen der Restaurants, die Stra§enbeleuchtung, die roten und pinken Lampions, sie leuchteten. Die junge Frau mit ihrem schon altem Gesicht ging an mir vorüber und in ihren Augen leuchtete Freude an dem, was sie sah, und Stolz auf das, was sie tat, und Staunen Ÿber diese fremde Welt.

Diese Arbeiter, sie singen und pfeifen, sie tanzen nachts auf den Bürgersteigen und spielen Musik unter den Brücken, sie halten sich in den Armen, wenn sie zusammensitzen und Karten spielen. Wegen ihnen gibt es meine Arbeit, auch wenn sie sie nie sehen.Sie besteht aus einem kleingewachsenem, abgestorbenen Baum, in dessen Ästen Lautsprecher schaukeln. Die Wurzel ist in einen Sockel aus Gips eingegossen. Der Sockel ist bedeckt mit einer Fläche von 24 Schaltern. Die Lautsprecher sind über am Baumstamm entlang gelegten lackiertem Kupferdraht mit sechs von den Schaltern verbunden. Wenn nun ein Schalter betätigt wird und Strom fließt, erklingt eine Monospur von CD, deren Abspielgeräte samt Verkabelung in einer geschlossen Holzbox verborgen werden, die die Installation gleichzeitig auf Augenhöhe hebt. Die Betrachterin und Interakteurin kann dem Baum Leben einhauchen, indem sie die Lautsprecher einschaltet. Einen nach dem anderen oder alle sechs zur gleichen Zeit. Sie hört die Stadt, den Verkehr, den Baustellenlärm, das Zirpsen der Zikaden, die Glocken am Halsband der kleinen Hunde und schreiende Katzen. Sie hört die Menschen, die unermüdlich arbeiten an dieser Stadt. Die Menschen, die diese Stadt erhalten, sie wachsen lassen, ihr Wärme geben. Sie hört sie singen. Für einen Moment schenkt sie ihnen vielleicht Achtung. Sie, die eine Kunstaustellung besucht, die Wohlstand in ihrer Arbeit hat und ihre Zeit mit Kunst verbringt. Sie hört ein Leben, dem sie nicht entkommen kann. Sie hört die Menschen, die ihren Luxus erwirtschaften. Sie hört jene, die vom Glück träumen und es darin lebendig halten.

An der Ausstellung waren letztendlich 12 chinesische Künstler beteiligt. Der eigentliche Ansatz des Triptychons eine Gruppenausstellung zu initiieren, für die die Arbeiten in einem kollektiven Prozess entstehen, ließ sich in China aus verschiedensten Gründen nicht realisieren. Die verbale Verständigung war auf Grund mangelnder Sprachkenntnisse schwierig und der Organisationszeitraum sehr knapp gesetzt. Die meisten Künstler lieferten deshalb Arbeiten aus ihrem laufenden Programm, ohne daß es zu einem Austausch der Künstler untereinander kam oder nur zu einer einzigen gemeinschaftlichen Debatte des Projekts und des Themas. Genau in diesem gemeinschaftlichen Anspruch lag jedoch für mich der eigentliche Ansporn des Projektes. Der Kurator betonte gerne die Wichtigkeit des Kollektiven. Seine Methode sei, sich nicht in den künstlerischen Prozess einzumischen und nicht als Ansprechpartner in künstlerischen Fragen zu dienen. Tatsächlich war er jedoch nicht in der Lage, von seiner Autorität als Ausstellungsmacher zurückzutreten und organsierte das Projekt sehr zentralistisch. Er war nicht der Kopf des Projektes, bei dem die Fäden zusammenliefen, er versuchte jeder Faden zu sein, der im Laufe des Projektes gesponnen wurde. Dadurch wurde mein Betätigungsfeld sehr eingeschränkt. Wir arbeiteten nicht gemeinsam am Projekt, sondern ich setzte seine Vorstellung vom Projekt möglichst eins zu eins um. Bei den ersten Schritten in die Kunstszene Pekings hatte ich allerdings frei Hand. Ich suchte die Gallerien und Künstler aus und wir fuhren dorthin. So fanden wir unsere ersten zwei Künstler, Hei Yue und Sheng Qi und unseren Kooperationspartner, die  Amelie Art Gallery. Drei von ihren Künstlern, Jin SongMin, Yu Tao und Huang Kai, beteiligten sich an der Ausstellung. Dann führten persönliche und sachliche Meinungsverschiedenheiten dazu, daß ich mich aus der Künstlersuche weitestgehendst heraushielt. Erst eineinhalb Wochen vor der Eröffnung ergab sich ein weiterer Kontakt zu einem Künstler, der auf meinen Vorschlag hin für die Ausstellung gewählt wurde, nämlich Ma Han. Die Koordination der Künstler und ihrer Arbeiten sowie die Choreografie der Werke im Raum übernahm komplett der Kurator. Mein kuratorischer Anteil an der Ausstellung ist also sehr beschränkt. Ich sammelte und bearbeitete dann die Informationen der Künstler für die Website, schrieb Pressemitteilungen und Einladungen, fertigte die Flyer nach seinen Entwürfen, betreute deren Druck und investierte meine restliche Zeit in die Installation. Das Projekt verlief zwar nicht sehr glücklich, die Ausstellung war aber letztendlich ein Erfolg. In nur 64 Tagen Arbeit in einer absolut unbekannten Umgebung eine Ausstellung von 0 auf 100 Prozent zu stemmen, war eine gute Erfahrung.