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Essay: Widerstand von Medien  (304 KB/.pdf)

Mein Gott, was wolte ich Ihnen nicht schreiben, wenn ich so geschwind schreiben könte, als ich spreche.
Georg Christoph Lichtenberg an Joel Paul Kaltenhofer, 17.August 1772

Goethes Tintenfaß und Nietzsches Schreibmaschine -  ein Ausstellungsprojekt in Kooperation zwischen der Fakultät Medien (Bauhaus-Universität Weimar) und dem Nietzsche-Kolleg (Stiftung Weimarer Klassik)

Im Rahmen eines Blockseminar unter Leitung des Berliner Kultur- und Medienwissenschaftlers Dr. Wolfgang Ernst wurde im Sommersemester 2002 am Lehrstuhl Geschichte und Theorie künstlicher Welten (Professor Joseph Vogl, Fakultät Medien) an der Bauhaus-Universität Weimar der Plan einer Ausstellung entwickelt, die anhand weniger Objekte zwei Epochen Weimars (Klassik und Moderne) daraufhin befragt, wie sie nicht nur von ihren Inhalten, sondern auch Medien definiert sind. Die Form ist bewußt minimalistisch: Materiell sollen lediglich zwei Musealien exponiert werden, Nietzsches Schreibmaschine und Goethes Bleistift (von der ursprünglichen Idee, sein Tintenfaß auszustellen, ist die Gruppe abgekommen, um hinter dem populären Klischee des Mediums des Dichterfürsten (die Gänsekielfeder) die durch ihn selbst belegte Prosaik des Bleistifts als schnellschreibendem Instrument zur immediaten Fixierung von Gedanken hinzuweisen.

Nietzsches Schreibkugel hingegen ist ein Hinweis darauf, wie in der Moderne die Konfiguration der buchstäblichen Schreib-Maschinen (bis hin zum Computer) die Form der Gedanken mitprägen. Dazwischen soll ein Fernsehmonitor, der Videobilder von in Wasser zerlaufender Tinte zeigt, die Brücke von Goethes Schreibmaterial über das getränkte Farbband von Nietzsches Schreibmaschine bis hin zur Erscheinung aktueller Flüssigkristallbildschirme schlagen. Neben diesen drei Objekten kommt im Raum ergänzende audiovisuelle Information zur Ausstellung: einerseits als akustisches Ereignis aus Lautsprechern (das modulierte Geräusch des kratzenden Bleistifts und der Feder), wie es - vielfach belegt - sowohl von Goethe als auch von Nietzsche bewußt beim Schreiben reflektiert wurde. Andererseits werden die Kommentare der Besucher per Mikrophon registriert, von einem digitalen Spracherkennungsprogramm verarbeitet und dann als Buchstabenketten per Beamer projiziert; hier wird das sowohl von Goethe als auch Nietzsche verbürgte Phantasma der unverzüglichen Gedankenschrift in die digitale Gegenwart fortgeschrieben (Rückprojektion von hinten, um die störenden Beamergeräusche zurückzunehmen und den Apparat zu verbergen - was zugleich ein ironischer Kommentar über das Verschwinden moderner Medien zugunsten ihrer Effekte ist). Und schließlich wird in Form von Postkartenstapeln ein Set von wenigen prägnanten Zitaten Goethes und Nietzsches zu ihren Schreibmedien jeweils nahe an den betreffenden Objekten bzw. audiovisuellen Informationen ausgelegt , aus denen sich die Pointierung der Ausstellung erklärt.

Text: Wolfgang Ernst

Widerstand von Medien

Der Begriff des Widerstands ist mir geläufig aus der Elektrizitätslehre, aus politischen und sozialen Prozessen. Medien erfahre ich, bin ich alltäglich gewohnt zu nutzen, als Rezipient und als Autorin. In der Elektrizitätslehre bestimmt der Widerstand, in Abhängigkeit von der herrschenden Stromspannung die Stromstärke. Strom ist zwischen den zwei Polen eines Leiters (Urspannung). In einer bestimmten Zeit erarbeitet ein bestimmter Stromkreislauf, bestehend aus Stärke, Spannung und Widerstand eine Stromleistung, die dann von z.B. einer Glühbirne genutzt werden kann. So wandelt sich elektrische Energie in z.B. Licht, Wärme, Bewegung. Strom wird, meist in Kabeln, transportiert, in Schaltkreisen zu bestimmter Arbeit gewandelt, um dann die gewünschte Leistung zu erbringen, wie jetzt im Moment meinen Computer zu betreiben, den Monitor zu erhellen, einen Texteditor anzuzeigen, damit ich digitalen Text erzeugen kann, selber Leistung erbringe. So wie der Strom durch elektrische Leitungen getragen wird, so ermöglicht die Elektrizität den Transport von Informationen durch diese Leitungen, z.B. Radio, Telefon, Fernsehen, Internet; sogenannt: elektronische Kommunikationsmedien.

Der Versuch Informationsübertragung nicht nur mit den Mitteln elektronischer Kommunikation zu sehen, sondern im direkten Vergleich mit der Elektrizitätslehre heißt für mich: Kommunikation ist jede Äußerung des Menschen, vergleichbar zur Urspannung: Kommunikation ist zwischen Menschen. Die Stromstärke bedeutet das Wissen, was im Leben den Menschen aus Ereignissen entspringt, der Widerstand regelt durch die Beschaffenheit der Kommunikationsmittels die Fließgeschwindigkeit des weiterzugebenden Wissens. Information braucht Schreib-, Fluß- und Transportmedien. Der menschliche Körper kennt verschiedene Wege sich zu äußern (Sprechen, Schreiben, Gestikulieren...) Diese Gesten verbreiten sich durch unser Umfeld (Licht, Wärme, Bewegung.. Äther..). Der Mensch kennt viele Wege diese Äußerungen zu verteilen und zu vervielfältigen (durch Wiederholen, Auf- und Abdrucken, Kopieren...), sie zu veröffentlichen, der Masse zugänglich zu machen: in sich bewegenden Medien wie Bilder, Bücher, Zeitungen, Bändern, CD-Roms... und in vernetzenden Medien, wie Telefon, Radio, Fernsehen und Internet. Diese Medien sind verschiedene Schaltkreise, durch die Information von den Menschen erarbeitet und in Handlung, phys. Leistung umgesetzt werden kann. Dabei findet kein wirklicher Energieverlust statt, da er im Kreislauf verbleibt, er lässt sich in seiner Gesamtheit nicht effektiv übersetzten, die Spannung/Kommunikation verändert sich und damit das Weitergegebene, das Fließende.

Der politische und soziale Widerstand beruht auf Information über bestimmte Ereignisse und den Widerwillen des Einzelnen gegen diese Erscheinung. Information durchläuft verschiedene Stationen, wird mit anderen Informationen angereichert und kombiniert, trifft auf Interesse und Ignoranz. Im Bewußtsein angekommen läuft sie weiter, sie wird weitergegeben, bestätigt, wiederholt kommuniziert. Sie ist in Bewegung, verursacht Bewegung, wird negiert, widerlegt, invertiert und aufgehoben, sie zieht vor ihrem Verschwinden immer kleinere Kreise, sie ist vergessen. Je mehr Menschen von einer Information betroffen, erreicht und angesprochen werden, desto langsamer verläuft ihr Vergessen, desto geringer ist der Widerstand in der Distribution, die jede Art von Medien betrifft. Sie erreicht eine negativere Ladung, erweckt mehr Attraktion, sie geht langsamer verschütt und wird eher wieder aufgedeckt; Legende, Wissen entsteht. Über bedeutende Information wird mehr geredet, sie wird häufiger publiziert und erreicht durch ihre transmediale Präsenz wiederum mehr Menschen, als die tatsächlichen Entdecker. Vom Ereignis, weitergegeben durch die Betroffenen, erreichen gefilterte Informationen die am Kommunikationsprozess Beteiligten. Der Beobachter, Autor, Verleger und Leser bringen eine eigene Perspektive auf die sogenannten Fakten ins Spiel, die Medien fordern eine Form der Aufbereitung, die aus dem Geschehnis Wahrnehmungsebenen herausnimmt. Es ist z.B. nötig eine reale Szene zu übersetzen, zu kürzen, zusammenzufassen (in einen Zeitungsartikel, einen Radiobeitrag oder Fernsehbericht) die Geschichte um nicht/-fiktive Personen und Erlebnisse anzureichern, historische Fakten beizumengen und Erklärungen für nicht bekannt vorauszusetzendes Wissen hinzuzufügen. Auch das Werkzeug selbst beeinflußt den Produzenten, durch seine technischen Gegebenheiten und die Bedingungen, unter denen es funktioniert. Diese Abweichungen zwischen dem real erlebbaren Ereignis und dem geschaffenen Erlebnis resultieren von den Widerständen der Medien, aus den Ladungsmodulationen in der Kommunikationsspannung.

Nietzsche schreibt 1882 in einem Brief über die Lehre vom Stil:  Man muß erst genau wissen: so und so würde ich dies sprechen und vortragen - bevor man schreiben darf. Schreiben soll nur eine Nachahmung sein. 1 Einige Monate bevor Nietzsche diese Aussage niederschreibt, antwortet er seinem Sekretär Heinrich Göselitz auf dessen Überlegung: Vielleicht gewöhnen Sie Sich mit diesem Instrument gar eine neue Ausdrucksweise an:... 2, wie folgt: Sie haben recht - unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken. 3 Zu diesem Zeitpunkt benutzt er die jüngst erfundene Schreibmaschine. Zwei miteinander konkurrierende Aussagen Nietzsches, die den Widerspruch in der Entwicklung von Literatur und ihrer Geschichtsschreibung zeigen. Ausgeblendet wurde daraus [aus der Geschichte des Schreibens] in der Literaturwissenschaft bislang weitgehend die Körperlichkeit des Schreibakts, weshalb die Geschichte des Schreibens vorwiegend als Geschichte der Literatur, der Rhetorik und der Poetik, geschrieben worden ist. Selbst Roland Barthes verstand den von ihm geprägten Begriff der  ecriture, der noch immer die literaturwissenschaftliche Schreibprozessforschung mitbestimmt, lange Zeit nur in einem metaphorischen Sinne, das heißt - im Gegensatz zur sozialen Konvention der Sprache, der langue, und zum idiosynkratischen Korsett des Stils, die beide den Schriftsteller in den Augen von Barthes unhintergehbar vorgegeben sind und von ihm nicht abgeworfen werden können - als Ort der Wahl eines Tones , oder wenn man so will: eines Ethos, und hier individualisiert sich ein Schriftsteller eindeutig, denn hier engagiert er sich. 4 Vilem Flussers Phänomeologie der Schreibgeste, all die verschiedenen Faktoren des Schreibaktes 5: sind nur wenige unter vielen Aspekten, wie Barthes  langue und Stil, wie Stingelins Augenmerke auf dem Verhältnis (des Autors) zu den Schreibwerkzeugen , dem Verhältnis zur Schrift und poetologischen Selbstreflexionen des Schreibens 6 , unter denen Literatur betrachtet wird. Stingelin untersucht die Kraft, durch die  ein Teil der poetischen Autonomie an das Schreibwerkzeug abgetreten wird. 7 Was ihn zu untersuchen reizt, ist  der Grad der Metaphorizität 8, der sich bei seinen Beispielen von Georg Christoph Lichtenbergs Schreibszenensatire zu Friedrich Nietzsches Schreibkugelidentität verringert. Er nimmt dies als Zeugnis für die zunehmende Vergegenständlichung des Schreibens in seiner Skripturalität. 9 Untersuchungsgegenstand für die Entwicklung dieser Hypothese sind vor allem Briefe der beiden Autoren,  weil Schriftsteller im vertrauten Verkehr mit Freunden freimütiger die pragmatischen Vorraussetzungen ihres Schreibens thematisieren als im Werk, und zwar gerade dort, wo Störungen auftreten und Probleme in der Kommunikation aufwerfen. 10

In seinem Werk versucht der Schriftsteller die Regung des Schreibwerkzeuges zu unterdrücken. Der Leser soll einem Gedankengang folgen, ohne vom Widerstand des Schreibgerätes gestört zu werden, so erwähnt auch Stingelin trotz seines eigenen Themas mit keiner Silbe, wie er schreibt. Der Leser konsumiert das Ergebnis des Schaffensprozesses, das Gesagte, das Geschriebene - nicht den Prozess des Werkes. Durch das Sichtbarwerden der Störungen in einer Veröffentlichung würde des Lesers Aufmerksamkeit weniger auf die Gedanken, desto mehr auf die Schrift gelenkt. Der Autor und sein Wille zur Äußerung rücken ins Blickfeld. Der Gedanke Stingelins konzentriert sich auf das selbstdargestellte Verhältnis zwischen Autor, Schrift und Werkzeug, da heutige und selbst kritische Editionen von Texten, vermögen, bedingt durch die buchstäbliche Typisierung des Druckbildes, nicht, die körperliche Ereignishaftigkeit des Schreibaktes wiederzugeben , ja in der Regel sehen sie darin noch nicht einmal ein Problem. 11 Seine Forschung stützt sich auf Literaten einer vergangenen Zeit, als das Schreiben noch ein sehr körperlicher, mechanisch geprägter Akt war, nicht nur in der Produktion des Originals, sondern auch in seiner Vervielfältigung.

In einer Zeit, da die Schreibmaschine zu komplexen Organismen entwickelt ist, die anscheinend viele Schreibtechniken erlaubt (Computer) entsteht ein verändertes Verhältnis für den Autor in Verbindung zu Schreibgerät-, prozess, Veröffentlichung und Verbreitung seiner Gedanken. Die Maschine wandelt jeden Input, den sie erhält, in 0 und 1, Strom an und aus. Hände hinterlassen allerhöchstens Spuren auf den Tastaturen, einzelne Zeichen werden aus einem vorgegebenen Katalog von Möglichkeiten gewählt und zusammengefügt, die Zeichen verlieren an Individualität. Schrift wird zurückgeworfen auf den Gedanken, der sie formt. Wo finden sich am digitalen Werk menschliche, analoge Prozesspuren? Stingelins Begehren ist hierin historisch. Meines Erachtens nach, geht das körperlich Spürbare von Schrift im Zeitalter von Bits und Bytes verloren - die Tastatur ist im digitalen Schaffensprozess Schreibgerät, die Schrift wird auf einem vom Schreiben losgelösten Medium, vom Licht des Monitors abgebildet. Das Geschriebene fließt nicht länger unmittelbar dahin, es durchläuft einen Schaltkreis von ungeheurer Komplexität, dessen Widerstände keine Täuschung darüber zulassen, wir könnten sie kontrollieren. Der Unterschied zwischen dem handfesten Original und der Kopie ist verloren, eine Datei (ein Gefüge aus den Zeichen 0 und 1) ist scheinbar unendlich reproduzierbar, gleich transportfähig und vielfältig vorhanden. Nach wie vor setzt der menschliche Körper die Maschine in Bewegung.  Den unmittelbaren Griff zum Schreibgerät und die Geste, mit der es geführt wird  12 - Barthes beschreibt ihn so: Es ist die Skription (der muskuläre Akt des Schreibens, des Buchstabenziehens), der mich interessiert: diese Geste, mit der die Hand ein Schreibwerkzeug ergreift (Stichel, Schilfrohr, Feder), es auf eine Oberfläche drückt, darauf vorrückt, indem sie es bedrängt oder umschmeichelt und regelmäßige, wiederkehrende, rhythmisierte Formen zieht [...]. Im folgenden wird also von der Geste die Rede sein und nicht von den metaphorischen Bedeutungen des Begriffs ecriture : wir sprechen nur vom Schreiben mit der Hand, dem Schreiben, welches das Führen der Hand beinhaltet 13 - diese Geste tätigt auch am Computer der Mensch, aus dem Willen zur Äußerung. Jedoch ist es die nun die Hand, die über die Tastatur geführt wird. Die Buchstaben, in Zeilen und Spalten, sind unbeweglich geworden, die Bewegung, mit der die Buchstaben ausgewählt werden, ist monoton. Es gibt andere Eingabe- und Schreibgeräte für den Computer: die Maus, das Mikrofon, den Zeichenstift - ihn interessiert nur 0 und 1, weshalb der Eingabeprozess, nämlich der Schreibprozess, zu einer formatierten Handlung verkommt, der Widerstand des Produktionsmediums Computer ist groß dem Benutzer wird seine Freiheit genommen, eigene Zeichen und Zeichenketten zu formen, Schrift wird zurückgeworfen auf den Gedanken, der sie formt.

Quellenangaben:
1 aus: Zur Lehre vom Stil, Fragmente aus dem Nachlass Friedrich Nietzsches  , Heft: Tautenburger Aufzeichnungenfür Lou Salome, Juli - August 1882, Fragment [109], http://www.gutenberg2000.de /nietzsch/fragment/fragmen4.htm
2 Heinrich Göselitz zitiert nach Martin Stingelin, Unser Schreibwerkzeug arbeitet mit an unseren Gedanken ,Lichtenberg-Jahrbuch, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1999, S. 90
3 Friedrich Nietzsche zitiert nach ebenda., S. 91
4 ebenda, S. 82
5 vgl. ebenda, S. 83
6 ebenda, S. 85
7 ebenda, S. 86
8 ebenda, S. 86
9 ebenda, S. 91
10 ebenda, S. 91
11 ebenda, S. 84
12 ebenda, S. 84
13 R. Barthes zitiert nach ebenda, S. 82 f.